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Körper in den Kulturwissenschaften

Das Netzwerk »Körper in den Kulturwissenschaften« bemüht sich darum, die unterschiedlichenKonzeptionen und Begriffe von Körper, wie sie in den Kulturwissenschaften und darüber hinauskursieren, kritisch zueinander in Bezug zu setzen. Dabei werden wir zunächst eineBestandsaufnahme vorgenommen, welche die begrifflichen und theoretischen Grundlagen der Diskussionen um Körper in den Kulturwissenschaften in den Blick nimmt. In einem zweitenSchritt werden die dabei gewonnenen Erkenntnisse kritisch zueinander ins Verhältnis gesetzt undso Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Zusammenhänge und Brüche der verschiedenen Ansätzetransparent gemacht. Ziel des Projekts ist schließlich die Erstellung eines »Kompendiums Körperin den Kulturwissenschaften« das Ziel. Eine solche Referenzdarstellung soll nicht allein dieErgebnisse der beiden ersten Schritte problemorientiert zusammenfassen, sondern darüber hinauszur gesellschafts- wie wissenschaftspolitisch notwendigen Kommunikation zwischenKulturwissenschaften einerseits und Bio- bzw. Naturwissenschaften andererseits beizutragen.

 

Körperentwürfe zwischen Gesellschaft und Wissenschaft

Körper haben in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren sowohl in der Gesellschaft als auch in derWissenschaft ein zunehmendes Maß an Aufmerksamkeit erfahren. Diese quantitativeVerdichtung verband sich indes auch mit bedeutsamen qualitativen Veränderungen in derWahrnehmung von und in der Rede über Körper. Die Kontrolle und Formung des eigenenKörpers sind seit langem Teil der Alltags- und Massenkultur, doch seit jüngster Zeit fungiert derKörper als verknüpfendes Element zahlreicher tragender gesellschaftlicher Diskursfelder.Bestimmte Formen jugendkulturellen Verhaltens wie Piercing oder Tätowierungen ebenso wiedie verstärkte mediale Repräsentation der plastischen Chirurgie oder des Wellness-Trends, umnur einige Beispiele zu nennen, vermitteln den Eindruck einer Neuentdeckung undUmformulierung des Körpers. Dabei ist eine Homogenisierung der Körperideale zu konstatieren,die gleichzeitig die Form einer scheinbaren Individualisierung annimmt. Körper können undsollen sich dabei in immer umfangreicherer Weise in die Warenförmigkeit des Markts einfügen;ein Trend, der auch gesundheitspolitische Debatten mehr und mehr strukturiert.

Parallel dazu wurden in den letzten Jahren in verschiedenen Bereichen derBiowissenschaften öffentlich breit rezipierte Ergebnisse erzielt, beispielsweise beiTransplantationen von Organen und von menschlichem Gewebe, in der Prothetik sowie in derKartographierung des Genoms. Auch Sozial- und Kulturwissenschaften „entdeckten” denmenschlichen Körper in vielfältiger Weise für ihre Forschungen. In den inner- wieinterdisziplinären Debatten wird entlang von Begriffen und Kategorien wie „Performanz”,„Gender”, „Subjekt”, „Identität”, „Begehren”, „Erfahrung”, „Maschine”, „Konsum”, „Klasse”oder „Gewalt” diskutiert. Dabei ist es inzwischen beinahe unmöglich geworden, die Fülle derunterschiedlichen Ansätze und Forschungsperspektiven zu Körpern in den Literatur- undGeschichtswissenschaften, in den Film- und Medienwissenschaften, in Gender- und QueerStudies oder in der Philosophie (um nur einige zu nennen) zu überblicken.

Mit diesen Praktiken, Techniken und Wissensbeständen geht eine gesamtgesellschaftlichwirkende Neubewertung von Körpern einher. Der Körper wird zunehmend als Objekt einesgesellschaftlichen und individuellen Entwurfs betrachtet, nicht als unveränderliche materielleGegebenheit. Diese Entwicklung unterläuft einerseits die seit der Aufklärung postulierteDichotomie von Kultur und Natur, die in westlichen Gesellschaften als Leitdifferenz zurHierarchisierung der vergeschlechtlichten sozialen Ordnung gedient hat. Andererseits geht dieseNeubewertung mit einer zunehmenden Tendenz zur „Normalisierung” und„Gouvernementalisierung” (Foucault) von Körpern einher. Welche ethischen und politischenDimensionen damit verbunden sind, wird besonders am Beispiel der gegenwärtigen Diskussionum Grenzen und Nutzen der Manipulation des Erbguts, etwa im Hinblick aufStammzellentherapie oder therapeutisches Klonen, deutlich.

Trotz oder gerade wegen der prominenten Position, die Körperdiskurse seit den 1990erJahren eingenommen haben, bleibt mithin eine gewisse Verwirrung zu konstatieren, einebegriffliche und konzeptionelle Unschärfe in Hinblick auf Erkenntnismöglichkeiten und –grenzen bei ihrer wissenschaftlichen Verwendung. Unterschiedliche Disziplintraditionen,perspektivische Fragestellungen, divergierende „Entwicklungsstände” sowie schlichteUnkenntnis anderer Forschungsperspektiven führen zu unterschiedlichen Konzeptionen vomKörper. Nimmt man Sozial- und Biowissenschaften mit in den Blick, so potenziert sich dieseUnschärfe der Begriffsverwendungen und der Forschungsdesigns noch weiter. EinzelneVersuche des Brückenschlags zwischen Kultur- und Naturwissenschaften allerdings zeigen dasPotential zur inter- und transdisziplinären Kommunikation, die in eine gesteigerteAufmerksamkeit für differente Anliegen und Problemstellungen münden kann.

Es ist die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und den Grenzen eines solchentransdisziplinären Austausches, welche die Mitglieder dieses geplanten Netzwerkes beschäftigt.Als gemeinsamer Ausgangspunkt dieser Arbeit dient eine Verständigung über den eigenenStandort, genauer über den gegenwärtigen Stellenwert inner- und interdisziplinärer Diskurseüber Körper in den Kulturwissenschaften, die angesichts der begrifflichen Unschärfe undHeterogenität der Diskussionen an sich schon ein Desiderat der Forschung sind.

 

 

 

 


 

© 2007  Körper in den Kulturwissenschaften |  Feedback  |
Stand: 23.09.2008

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